Gronau - Im Wintergarten seines Büros steht ein Kinderbett, gebaut wie ein Wikingerschiff – inklusive rot-weißem Segel, Steuerrad und Pferdekopf. Selbst gebaut. Im Büro glänzt ein Mahagonitisch, dunkelbraun und so lang, dass er für 20 Personen reichen würde. Selbst restauriert. Vorm Büro zweigt ein Labor ab, in dem zwei Wissenschaftler mit Glaskolben und Rührmaschinen hantieren. Selbst finanziert. Gregor Luthe war mit Sicherheit eines dieser Kinder, deren erstes Wort „selber“ heißt.

Heute ist der 46-jährige ehemalige Sonderschüler Chef von „Nanobay“ und hat dafür vieles aufgegeben, was sich andere Wissenschaftler wünschen würden: Er war Humboldt Fellow, also besonders geförderter Student, weil er sich als besonders begabt entpuppt hat. Er war Universitätsprofessor in Berkeley, Iowa und Hawaii, hat das aber hinter sich gelassen, als sein Vater so schwer krank wurde, dass er in dessen Nähe sein wollte. Darum konzentrierte er sich auf seinen Job bei der Enscheder Fachhochschule Saxion, gründete dort die Nanotechnologie und wurde noch – ohne dass er davon einen Schimmer hatte – zum beliebtesten Professor der Niederlande gewählt. Keine Karriere, die man vom Sohn eines Maurers und einer Fabrikarbeiterin erwarten würde.

Erst Sonderschule, dann Abitur als Jahrgangsbester

Dabei war sein Start in die Welt des Wissens mühsam. Weil er als Kind stotterte, kam er von der Grundschule in eine Sonderschule, dann wieder zurück zur Hauptschule. Dass er nicht wieder auf der Sonderschule landete, lag offenbar an seinem Großonkel, der dort Schulleiter war und dafür sorgte, „dass für mich kein Platz da war“. Aber auch an der Hauptschule hangelte sich Luthe von einem Schuljahr zum nächsten. Bis zur 9. Klasse war seine Versetzung ständig gefährdet – bis ihn ein Lehrer unter seine Fittiche nahm, ihm einen Weg an die Hand gab, richtig zu sprechen. Von da an hatte er nur noch Spaß in der Schule. Auf der Missionsschule der Franziskaner in Bardel bei Bad Bentheim machte er schließlich sein Abitur. Als Jahrgangsbester.

Gregor Luthe: Der einstige Stotterer und Sonderschüler ist heute Forscher, der lieber in Gronau arbeitet, als in Berkeley oder auf Hawaii Professor zu sein. Foto: Jürgen PeperhoweGregor Luthe: Der einstige Stotterer und Sonderschüler ist heute Forscher, der lieber in Gronau arbeitet, als in Berkeley oder auf Hawaii Professor zu sein. Foto: Jürgen Peperhowe

Trotzdem hat er sich entschieden, seine akademische Karriere hintanzustellen. „Ich möchte für menschliche Probleme technische Lösungen finden“, sagt Luthe heute. Eines davon: MRSA-Keime. „Die werden 2040 die zweithäufigste Todesursache in Deutschland sein“, meint er. Antibiotika können ihnen nichts anhaben. Darum bringen sie vor allem Patienten in Gefahr, die häufig im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Nicht nur Professor, sondern auch Erfinder

Luthes Erfindung: eine antibakterielle Lösung, die den Erreger dauerhaft killen werde. Für Laien ist das schwer zu erklären. Der Professor beschreibt den Effekt seiner Erfindung so: „Die sitzen auf einer Art elektrischen Herdplatte und werden geröstet“. Das hat kein Bakterium gerne.

Die Lösung kann in Farbe für Krankenhauswände gemischt werden oder der Reinigung medizinischer Geräte dienen. Das Interesse ist groß, Luthes Überzeugung, dass die Idee funktioniert, auch. Das Mikrobiologische Labor Dr. Michael Lohmeyer in Münster testet die Erfindung zurzeit. Die Tests laufen noch, darum gibt es noch keine endgültigen unabhängigen Ergebnisse.

Regionales Blockbuster-Produkt

Luthe plant eine Aktiengesellschaft, „um Aktien weltweit ausgeben zu können“. Privatleute und Unternehmen würden nach Investitionsmöglichkeiten fragen „und sehen die Chance, hier regional ein Blockbuster-Produkt zu bauen“, sagt der Chemiker und Toxikologe.

Solange experimentiert der Vater von zwei Kindern weiter. Es gibt noch genug menschliche Probleme, für die technische Lösungen fehlen.

Original Article: http://www.wn.de/Muensterland/2540772-Er-landete-als-Kind-auf-der-Sonderschule-Professor-Gregor-Luthe-Lieber-Gronau-als-Berkeley

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